Zukunftsfähigkeit heißt eine der Hauptmotivationen für die Umstellung auf den Melkroboter. Dabei spielen Überlegungen zu Arbeitszeitbedarf und Lohnkosten eine entscheidende Rolle. Auch für Gerhard Steitz, der sich gegen den allgemeinen Trend in der Region Homburg-Saar für Neuinvestitionen in die Milchviehhaltung entschieden hat, war die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs wichtig.
„Die Strukturen für die Milchviehhaltung im Saarland stimmen“, meint der Betriebsleiter, der auch als Vorsitzender des Landesverbands der Maschinenringe Rheinland-Pfalz/ Saarland aktuelle Entwicklungen in der Landwirtschaft erlebt. Zwar sei die Milchviehhaltung in der Region auf dem Rückzug, die Herdengröße mit über 50 Tieren und auch die Flächenausstattung der Betriebe reichten aus, um in Zukunft mit der Milch sein Geld zu verdienen.
Spezialisierung anstatt Alternativen
Bei der Wahl von Alternativen hat bei ihm die Spezialisierung gewonnen. Frei nach den Devisen „ bisher waren wir in der Milchviehhaltung unterwegs“ und „die Kuh steht uns näher als das Pferd“ hat das Betriebsleiterpaar beschlossen, jahrzehntelang auf dem Hof erarbeitetes Knowhow weiter auszubauen. Damit war klar, dass die Herde vergrößert werden musste. „Auch die Milchkrise gab da keinen Ausschlag mehr, zumal auch eine Flaute bei den Baupreisen einsetzte.“ Mit dem Bau einer neuen Halle für 150 Tiere und die Investitionen in zwei Einzelboxenmelkroboter wurde ihr Entschluss endgültig besiegelt und umgesetzt. Das neue Stallgebäude wurde als freitragende Halle konzipiert und hält damit noch ein Hintertürchen für eine mögliche Umnutzung offen.
Seine Ziele sieht er, ausgehend von einer gesunden finanziellen Basis für den Betrieb, bei der Tiergesundheit und einer durchschnittlichen Milchleistung von 10.000 Liter für später 150 Kühe. Die Umstellung auf den Melkroboter im Februar 2011 ging auch einher mit einer Aufstockung der Milchviehherde von 70 auf 120 Tiere und hat für Mensch und Tier einige Veränderungen gebracht. Die Investitionen hätten jedenfalls die Perspektivfrage beendet und seien auch eine Antwort auf den Wandel vom Familienbetrieb zum Unternehmen mit bezahlten Arbeitskräften. Das Ehepaar Steitz ist jetzt auf der Suche nach einer Person, die Freude an der Arbeit mit den Kühen hat, sich gerne engagiert und verantwortungsvoll in den Betrieb einbringt. Denn eine verlässliche Vertretung, nicht nur im Urlaubs- oder Krankheitsfall, halten sie für sehr wichtig, zumal es für beide auch noch ein Leben außerhalb des Betriebes gibt. Dazu passt auch, dass die Arbeiten in der Außenwirtschaft fast vollständig über den Maschinenring Saarland erledigt werden.
Nicht alles klappt sofort
„Ein Vorteil, wenn man älter ist und umstellt, man weiß, es muss nicht alles sofort klappen“, findet jedenfalls Camilla Atmer-Steitz, die, in Schweden geboren und aufgewachsen, dort noch gelegentlich aber regelmäßig ihren Verpflichtungen in der Forstwirtschaft nachgeht. Allerdings sieht Gerhard Steitz, der sich zurzeit noch leicht ernüchtert fühlt und meint: „ähnlich wie die älteren Tiere, lernen auch die Menschen schwerer“ auch Nachteile für die Umstellung in einer späteren Lebensphase. Hinzu komme, dass weniger Lebensarbeitszeit bliebe, um die relativ hohe finanzielle Belastung rentabel zu gestalten.
Bei aller Ernüchterung bleibt jedoch festzuhalten, dass auf dem Betrieb in der gleichen Zeit deutlich mehr Milch produziert wird. Täglich verlassen nämlich statt 3500 l jetzt circa 5500 l den Hof. Jedoch findet der Betriebsleiter, „wir haben genauso viel Arbeit wie vorher“ und gibt damit einer gewissen Enttäuschung über eine unzureichende Entlastung Ausdruck. Eigentlich hatte er sich von der Umstellung auf die beiden Melkroboter auch eine größere Unabhängigkeit versprochen. „Tatsächlich verbringen wir in der immer noch andauernden Umstellungsphase wesentlich mehr Zeit im Stall als vorher.“ Während die jungen Kühe sich relativ schnell an das automatische Melksystem gewöhnen, müssen die älteren phasenweise wieder verstärkt zugetrieben werden. Dies binde jetzt noch viel wertvolle Arbeitszeit. Doch schon im nächsten Satz setzt sich wieder die Zuversicht durch, „dass sich schon alles richtig einspielen wird, spätestens, wenn eine neue Generation von Jungkühen in die Herde hineingewachsen ist.“
Neue Informationen gewöhnungsbedürftig
„Früher hatten wir einen strengen Rhythmus, den wir seit 20 Jahren verinnerlicht hatten. Jetzt spielen ein oder zwei Stunden früher oder später dagegen keine Rolle.“ Das wirke einerseits schon wie eine Befreiung, da man selber mehr in der Hand habe. Allerdings stelle sich bei ihm auch noch das Gefühl ein „nie fertig zu sein“. „Das war früher anders. Nach 19.00 Uhr konnte ich beruhigt auch an außerhäusliche Aktivitäten teilnehmen. Ich hatte alle Tiere automatisch zweimal täglich gesehen und beim Vormelken gefühlt. Durch die sensorischen Eindrücke konnten viele Informationen abgegriffen werden, was auch eine große Sicherheit vermittelt hat.“
Wie den älteren Tieren fehlt auch den Menschen die Routine. Zahlen und auch Benachrichtigungen auf dem Handy könnten nicht sofort richtig bewertet werden. Dafür fehlten einfach die Erfahrungswerte. „Am Anfang konnten wir mit den Listen nicht viel anfangen. Da muss man sich erst reinarbeiten, denn die Werte sind nur individuell und im Zusammenhang zu interpretieren“, so das Betriebsleiterpaar. Weil viele vertraute Informationen wegfielen und die neuen nicht sofort richtig einzuschätzen seien, erzeuge dies erst mal Unsicherheit und das Bedürfnis nach zusätzlicher Kontrolle.
„Bei allen großen Veränderungen ist es einfach nötig, sich am Anfang intensiv damit zu beschäftigen und einzudenken“, findet Camilla Atker- Steitz. Weil sie für die Zukunft mehr Entlastung und Freizeit suchen, ist es dem Betriebsleiterpaar wichtig, eine Fachkraft zu finden, die einen Blick für die Listen entwickelt hat, Unwichtiges von Wichtigem unterscheiden kann und im Bedarfsfall richtig reagiert. „In Zukunft werden mehr Spezialbetriebshelfer gebraucht, die mit dem nötigen Fach- und Hintergrundwissen und der nötigen Konsequenz in der Umsetzung vor Ort handeln können. Möglicherweise ist das ja eine neue Herausforderung für die Maschinenringe“, fügt Gerhard Steitz hinzu, und man ahnt, dass er sich nicht zuletzt für seine ehrenamtliche Tätigkeit in MR-Organisation den nötigen Freiraum schaffen möchte.



