Bundesverband der Maschinenringe e.V.

Damit der Traumberuf nicht zum Stressfaktor wird
„Betriebshelferin ist immer noch mein Traumberuf“. Wenn Elke Hammer solche Sätze hört, dann freut sie sich erst mal. Denn normalerweise ist die 41jährige Supervisorin mehr für die Probleme zuständig. In den Gruppenstunden, die sie seit knapp einem halben Jahr mit den Haushaltshilfen vom Maschinen- und Betriebshilfering Blaufelden durchführt, kommen die Vorzüge des Berufes manchmal zu kurz. Das liegt in der Natur der Sache, denn die monatlichen Sitzungen sind dazu da, schwierige Einsätze zu besprechen, mit denen die Helferinnen alleine nur schwer zurecht kommen.
Wenn eine der Frauen trotzdem auch von ihrer Freude am Beruf erzählt, dann signalisiert Elke Hammer begeisterte Zustimmung: „Ja, das gehört auch mal wieder gesagt“ ruft sie, als die Betriebshelferin Gabriele Ziegler erzählt, dass der Beruf „genau meins ist“. Weil sie die Freiheit, selbst mitzugestalten, toll findet und weil sie immer wieder neue Menschen kennen lernt.
Sie erinnert sich zum Beispiel noch genau an ihren schönsten Einsatz: „Das war auf einem großen Hof mit 100 Kühen und Obstanbau. Die Arbeit hat so viel Spaß gemacht, dass ich sogar am Samstag noch weiter gemacht habe, obwohl ich da eigentlich frei gehabt hätte.“
Aber es gibt eben auch die Schattenseiten. Gabriele Ziegler hat in ihrer 15jährigen Arbeit beim MBR Blaufelden so ziemlich alle Facetten des Berufs erlebt. Auch die Einsätze, die man „nicht so leicht wegsteckt“, wie sie vorsichtig formuliert. Sie erzählt von einem Einsatz, wo sie zur Unterstützung einer jungen Frau gerufen wurde, deren Baby wenige Tage vorher gestorben war. „Man steht dann vor dieser fremden Frau und weiß erst mal überhaupt nicht, wie man sich verhalten soll“.
Oder die Begegnung mit den völlig verunsicherten Kindern einer psychisch kranken Frau: Die Geschwister begegneten ihr mit offener Aggression, bedrohten sie sogar. „Es ist in solchen Fällen schon sehr schwer, sich emotional rauszuhalten“.
Distanz wahren
Bei der Bewältigung des Kunststücks, das eigene Leben zu trennen von der Situation in einer Familie, wo sie täglich fünf bis acht Stunden lang den Haushalt führen, sind Hauswirtschafterinnen wie Gabriele Ziegler häufig auf sich allein gestellt. Eine professionelle psychologische Schulung wird in der Ausbildung nicht vermittelt. Und auch auf die Hilfe von Freuden und Verwandten müssen die Helferinnen größtenteils verzichten: Die Schweigepflicht verbietet es ihnen, über die Erlebnisse in den Einsatzfamilien zu sprechen.
Entsprechend angenehm empfinden es die Frauen, bei den Sitzungen mit Elke Hammer frei und offen über alles reden zu können. „Oft hilft es schon, sich auszusprechen“ sagt Melanie Kern, mit 23 Jahren eine der jüngsten Betriebshelferinnen im Team.
Alle Teilnehmer verpflichten sich zur absoluten Verschwiegenheit über sämtliche Einzelheiten, die in den Supervisions-Sitzungen besprochen werden. Auch Lothar Mühlenstedt, der Chef der Blaufeldener Haushaltshilfen, erfährt von den einzelnen Schwierigkeiten der Frauen nichts. „Dieser Rahmenbedingungen sind unbedingt notwendig, damit ein Vertrauensverhältnis entstehen kann“ sagt Elke Hammer. Denn nur bei absoluter Offenheit kann die zugrunde liegende Idee der Supervision funktionieren: Ein psychologisch geschulter Berater, der nie selbst der Gruppe angehören darf, wird zur Vertrauensperson, der man sich öffnen kann und von der man Hilfe bekommen kann.
Gemeinsame Suche nach Lösungen
Um den Frauen genügend Raum zum Reden zu geben, beginnt die Gruppenstunde in der Regel mit einer offenen Gesprächsrunde. Die Teilnehmerinnen schildern, wie sie in ihren derzeitigen Einsätzen zurecht kommen. Wenn dabei Schwierigkeiten zur Sprache kommen, findet sich oft jemand in der Runde, der schon mit der gleichen Problematik konfrontiert war. „Die Teilnehmerin erzählt dann, wie sie mit dem Fall umgegangen ist, und ob es eine zufriedenstellende Lösung gegeben hat“ sagt Elke Hammer, „dann überlegen wir alle gemeinsam, ob eine ähnliche Lösung auch für den aktuellen Problemfall möglich ist“.
Elke Hammer überlässt die Gesprächsführung dabei keineswegs den Frauen selbst. Sie lenkt die Diskussionen, sie hakt nach und setzt gezielt dort an, wo sie bei den Frauen die Ursache für ihre Konflikte vermutet. Dabei lässt sie sich auch von der eigenen Lebenserfahrung leiten: Sie ist selbst gelernte Hauswirtschafterin, Krankenschwester, Diplom-Biologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie und meint lachend, dass sie sich mit Abgrenzungsproblemen und Helfersyndromen durchaus auch aus eigener Erfahrung gut auskennt.
...wie der Putztrampel
Das heißt zum Beispiel, dass die Supervisorin dazu rät, möglichst konkrete Absprachen mit den Einsatzfamilien treffen. „Die Helferinnen haben das Recht dazu, ihre eigenen Struktur mit einzubringen. Sie sollen etwas haben, woran sie sich halten können“ erklärt Elke Hammer.
„Ich bin jeden Tag für fünf Stunden in einem Haushalt, wo ich mich total abrackere, und das Chaos krieg ich trotzdem nicht in den Griff“ sagt eine Helferin im Gruppengespräch. Und redet sich dann immer mehr die Wut von der Seele. Sie müsse in ihrem Einsatz täglich nicht nur die drei Familienmitglieder bekochen, sondern fast jeden Tag auch Freunde der Kinder und der Eltern. Sie hat außerdem das Gefühl, dass sie alles, was in dem Haushalt über Monate liegen geblieben ist, aufarbeiten soll. Wenn dann die Kinder ungerührt mit dreckigen Schuhen über den gerade mühsam gewischten Boden stapfen, „dann komme ich mir nur noch vor wie der Putztrampel“.
Elke Hammer schlägt vor, mit der Familie abzusprechen, was in der vorgegebenen Zeit realistisch geschafft werden kann: „Wenn das Kochen so aufwändig gewünscht wird, dann fällt eben das Putzen flach“.
Doch so klare Positionen einzunehmen fällt den Hauswirtschafterinnen oft schwer. „Ich hab dann immer ein schlechtes Gewissen. Ich gehe in jeden Einsatz so rein, als ob`s mein eigenes wäre“ sagt die Helferin. Elke Hammer lässt sich nun genau von ihr erklären, bei welchen Situationen der Frust hoch kommt. Sie fragt immer wieder nach. Besonders, als die Helferin berichtet, wie schwer sie sich zurück halten kann, wenn die Kinder bei jedem Verbot sofort zur Oma laufen, um sich hintenrum doch die Erlaubnis zu holen.
Doch sowas sei nicht das Problem der Haushaltshilfe, meint Elke Hammer. „Man muss es dann einfach so lassen“ rät sie, „die Familien haben ihre eigene Geschichte, und die sollte man nicht ändern wollen“. Auch dann nicht, wenn man Probleme vor Augen geführt bekommt, die einen auch daheim belasten. Persönliches Leben und Arbeit müssen getrennt werden. „Nur mit einer gesunden Distanz kann man professionell arbeiten“.
Qualifizierung steht im Vordergrund
Die Anleitung zu professioneller Arbeit ist genau das, was Lothar Mühlenstedt, Geschäftsführer des Maschinen- und Betriebshilferings Blaufelden, sich von der Supervision mit Elke Hammer erhofft. „Meine Haushaltshilfen können perfekt kochen, backen und die Kinder betreuen. Was in der Ausbildung aber kaum vermittelt wird, ist die psychologische Seite“ sagt der 46jährige Chef von 24 festangestellten Haushaltshilfen. „Mein Ziel als Arbeitgeber ist es, selbstbewusste und stabile Mitarbeiterinnen zu haben, die mit jeder Situation souverän umgehen können.“ Er hat 870 Mitgliedsbetriebe in seinem Ring, denen er im Krankheitsfall oder bei einem Kuraufenthalt die bestmögliche Unterstützung bieten will.
Gleichzeitig soll der Stamm an Kunden aus Privathaushalten ausgebaut werden. Schließlich ist es für die Finanzierung der Betriebshilfe wichtig, dass immer genügend Einsatzaufträge eingehen. Lothar Mühlenstedt, der seit 22 Jahren in der Betriebshilfe tätig ist, setzt darauf, dass sich die Supervision für den Betriebshilfedienst letztlich auszahlen wird. Denn je höher seine Mitarbeiterinnen qualifiziert sind, desto zufriedener sind letztlich die Kunden - und werden beim nächsten Krankheitsfall wieder auf ihn zukommen.
Krankenkassen sparen
Bei allem Engagement bleibt ein Problem: Die Krankenkassen werden bei der Bewilligung von Betriebshilfe-Stunden immer sparsamer. In Einsätzen, wo Lothar Mühlenstedt seine Helferinnen früher acht Stunden täglich einsetzen konnte, werden heute oftmals nur noch fünf Stunden bezahlt. Das trägt nicht nur zum größeren Druck auf die Betriebshilfedienste und Sozialstationen bei, sondern auch für die Haushaltshilfen steigen durch die Stundenkürzungen die Anforderungen.
Die Frauen bestätigen, dass die Aufgaben für eine Betriebshelferin nicht leichter werden. „Eine Hausfrau arbeitet normalerweise ja oft zehn Stunden am Tag. Und wir sollen den ganzen Haushalt in fünf Stunden schmeißen“. Um unter den erschwerten Bedingungen die Freude am Beruf nicht zu verlieren und die Aufgaben mit Ruhe und Gelassenheit anzugehen, helfen die Stunden mit Elke Hammer. Lothar Mühlenstedt sieht die Supervision deshalb als zusätzlich Qualifikation seiner Mitarbeiterinnen.
Im Vergleich mit ihren ersten Einsätzen hat Gabriele Ziegler heute oft das Gefühl, dass es an einem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Ruhezeiten fehlt. „Auch in der Landwirtschaft wird der Stress immer größer. Früher hat man sich nach der Arbeit gemeinsam zum Essen hingesetzt – das gibt`s heute gar nicht mehr.“
Trotzdem sind ihr die Einsätze auf den Höfen noch immer die liebsten. Sie ist selbst in der Landwirtschaft aufgewachsen und freut sich, „wenn`s richtig viel zu tun gibt. Ich schaff halt einfach gern.“ Noch immer kommt Gabriele Ziegler von den meisten Einsätzen am Abend zufrieden nach Hause. Von denen wird Elke Hammer wohl nicht allzu viel erfahren. Wenn doch, wird sie sich sicherlich darüber freuen.
Was ist Supervision?
Der Begriff bedeutet so viel wie „Betrachtung von oben“ oder „Die Dinge mit Distanz betrachten“ und ist die Bezeichnung für eine Art der Fortbildung, die vor allem in sozialen Berufen weit verbreitet ist. Einzelpersonen oder Teams holen sich dabei Unterstützung durch einen professionellen externen Berater. Der zumeist psychologisch geschulte Supervisor hilft dabei, sowohl bei Belastungen, die im täglichen Umgang mit den Kunden entstehen, wie auch bei Konflikten mit Kollegen oder mit Vorgesetzten dauerhafte professionelle Lösungen zu erarbeiten.