Bundesverband der Maschinenringe e.V.

„Jung – schlau – Frau“

Datum: Dienstag, 30. Juni 2009

 

Bericht vom Tag der Maschinenringe (Teil 3)
 
Zukünftig werde die Resource Mensch immer wichtiger für den ländlichen Raum. Wichtiger als Autobahnanschlüsse sei das kreative Potential der Menschen in einer Region. Wer allerdings jung, schlau und Frau sei, kehre als erste den ländlichen Regionen den Rücken. Dr. Reiner Klingholz, Direktor des "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" fesselte die Zuhörer beim Tag der Maschinenringe mit überraschenden Ergebnissen seiner Studien.

 

Der Chemiker und Molekularbiologe war über viele Jahre Wissenschaftsredakteur bei „Die Zeit“ und „Geo“. Auch als Buchautor machte sich der Familienvater einen Namen mit Titeln wie „Wahnsinn Wachstum“ und „Wir Klimamacher“.
 
Erfolgsfaktoren: Talente, Technologie, Toleranz
Mit dem so genannte „TTT-Konzept“ leitete Klingholz in seinem Vortrag die wirtschaftlichen Zukunftschancen von Regionen aufgrund von Talenten, Technologien und Toleranz ab. Der Experte für Demographie bediente sich dabei zahlreicher statistischer Erhebungen, zum Beispiel zur Zahl angemeldeter Patente, zur Wachstumsrate in High-Tech-Branchen, zu Wahlergebnissen für rechtsextreme Parteien, zum Ausländeranteil oder dem Anteil von Menschen mit künstlerischen Berufen. Klingholz erklärte, unter welchen Voraussetzungen in Zukunft Arbeitsplätze entstehen werden: Der Theorie des amerikanischen Ökonomen Richard Florida zufolge entstehen die Arbeitsplätze der Zukunft vor allem dort, wo die drei Komponenten „Talente“, „Technologie“ und „Toleranz“ zusammenkommen. Demnach sammelt sich in den urbanen Zentren jene kritische Masse an Kreativen, die aus Ideen Produkte machen, die mit neuen Technologien neue Jobs schaffen, wodurch wiederum weitere Talente angelockt werden. Für den ländlichen Raum bleiben in diesem TTT-Konzept wenige Chancen.“
 
Ländlicher Raum im „Teufelskreis“
„Die ersten städtischen Ansiedlungen sind erst vor rund 15.000 Jahren entstanden. Erst mit der Steigerung der Produktivität der Nahrungsmittelerzeugung wurde die Entwicklung von Städten überhaupt möglich. Damals zogen die Menschen dorthin, wo es Arbeit und Rohstoffe gab. Heute ist es umgekehrt, die Jobs folgen den Menschen. Dort wo viele kreative Menschen leben entstehen die Jobs.
Heute findet eine massive Wanderung der Bevölkerung in Europa von Ost nach West und von Nord nach Süd statt. Die ländlichen Gegenden besonders im Osten Deutschlands aber auch zum Teil in Bayern, Niedersachsen oder Baden-Württemberg bluten regelrecht aus, weil die qualifizierten Menschen als erste gehen. Das setzt eine Art Teufelkreis in Gang, weil die Infrastruktur und Dienstleistungsangebote für die verbliebenen Menschen zurückgefahren werden müssen, was wiederum die Attraktivität der Region weiter verringert. So verliert z. B. der Landkreis Müritz pro Jahr 1% seiner Bevölkerung. Über 50 % der Kreise in Deutschland sind von einer überproportionalen Schrumpfung der Bevölkerung betroffen.
Junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren mit guter Ausbildung wandern deutlich häufiger aus den ländlichen Regionen ab als junge Männer. Ein Grund ist die im Durchschnitt bessere Schulbildung der jungen Frauen. In einigen Kreisen Ostdeutschlands ist die Zahl der Abiturientinnen um bis zu 50 % höher als die der männlichen Absolventen. Dagegen verlassen mehr als doppelt so viele junge Männer die Hauptschule ohne Abschluss. Aber auch der Wunsch nach einem Lebenspartner mit gleicher oder besserer Ausbildung treibt die jungen Frauen besonders in die Universitätsstädte.
Demografisch gesehen fehlen dann die jungen Frauen zur Gründung von Familien - eine dramatische Abwärtsspirale für die meisten ländlichen Regionen. Vor allem die protestantisch-kalvinistisch geprägten Regionen zeigen eine noch stabile Geburtenrate, während die Geburtenzahlen in den traditionell katholisch geprägten Gegenden dramatisch eingebrochen sind. In Deutschland insgesamt reicht seit 2003 die Zuwanderung nicht mehr aus, um den negativen Geburtenüberschuss auszugleichen – die Bevölkerung nimmt seitdem ab. Bis 2050 wird die Einwohnerzahl in Deutschland um rund 8 Mio. schrumpfen. Der Konkurrenzkampf zwischen den Kommunen um Einwohner und Steuerzahler wird also noch schärfer werden.“
 
Regionales Selbstbewusstsein ist die Basis
„Eine Ausnahme vom Trend im ländlichen Raum ist das Oldenburger Münsterland mit den Landkreisen Vechta und Cloppenburg. Die Region gehört wegen der hohen Viehdichte und des berüchtigten Güllegeruchs nicht zu den beliebtesten in Deutschland. Aber es lohnt sich, diese ländlich geprägte Region genauer anzuschauen. Denn seit 1994 stieg die Zahl der Erwerbstätigen im Oldenburger Münsterland um 26%, während bundesweit nur 4% erreicht wurden. Es herrscht Zuwanderung wie in kaum einer anderen Region in Deutschland. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter der bundesweiten Quote und der Geburtenüberschuss liegt weit über dem Durchschnitt der Republik.
Im Oldenburger Münsterland haben es die Bewohner wie in keiner anderen Region Europas geschafft, auf Basis der Landwirtschaft überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze zu schaffen. Grundlage sind Fleiß und Solidarität sowie eine hohe regionale Verflechtung, wirtschaftlich wie sozial. Die nachfolgenden Generationen bleiben gerne in der Region. Auch der so genannte Pillenknick nach dem Baby-Boom in den 1960er Jahren ist im Oldenburger Münsterland deutlich geringer ausgefallen.
Was sind die Erfolgsfaktoren im Oldenburger Münsterland? Die Menschen haben ein positives Selbstbild und ein ausgeprägtes regionales Selbstbewusstsein. Sie sind überwiegend religiös und haben viele Kinder. Die Region war lange Zeit sehr arm, so dass die Menschen gelernt haben, mit Fleiß aus wenig viel zu machen.
Das Zusammenleben ist geprägt von Solidarität, Nachbarschaftshilfe und starkem Familienzusammenhalt. Das zivilgesellschaftliche Engagement der Menschen ist bis ins hohe Alter sehr ausgeprägt. Mit 80 % sind deutlich mehr Menschen ehrenamtlich aktiv als im Bundesdurchschnitt. Die dortige Agrargesellschaft hat sich erst spät in eine postmoderne Gesellschaft gewandelt. In der Wirtschaft gibt es eine große Nähe zwischen Hersteller und Anwender auf der Basis der Landwirtschaft. Man kann von einem „Silicon Valley“ der Agrarwirtschaft sprechen. Die nachgelagerten Unternehmen der Agrarbranche sind erfolgreich und exportieren ihre Produkte in die ganze Welt.“
 
Was können andere Regionen vom Oldenburger Münsterland lernen?
„Warum sind andere Regionen z.B. in Ostdeutschland nicht so erfolgreich? In Ostdeutschland herrschte traditionell eine eher abhängige Produktion von der Junkerwirtschaft bis zu den volkseigenen Betrieben der DDR und der heutigen großstrukturierten Landwirtschaft. Die Menschen mussten sich nicht engagieren und wenig Eigenverantwortung übernehmen. Insgesamt herrscht eine eher negative Selbstwahrnehmung und ein eher pessimistischer Blick in die Zukunft vor.“
 
„Wachstum ist in ländlichen Regionen jedoch nur auf der Basis einer überproportional engagierten und kreativen Bevölkerung möglich. Einzelne kreative Leitfiguren mit einer hochaktiven Zivilgesellschaft könnten das Blatt noch wenden. Das zeigt ein Beispiel aus der Rhön, wo mit der „Bionade“-Produktion durch eine geniale Idee hunderte von Arbeitsplätzen entstanden sind.
Das zeigt, dass ein Umdenken bei der Förderung ländlicher Räume notwendig ist. Die Politik sollte weniger in Strukturförderung und Autobahn-Anschlüsse investieren, sondern das vorhandene Humankapital durch aktive und kreative Menschen fördern. Vor allem ist es wichtig, kreative Ansätze im ländlichen Raum nicht administrativ zu behindern, sondern entsprechende Freiräume zu schaffen.“
 
In verschiedenen Publikumsbeiträgen wurden die Maschinenringe als kreative Keimzellen im ländlichen Raum beschrieben. Eine Erweiterung des Selbstverständnisses der Ringe in diese Richtung solle deshalb vorangetrieben werden.